Brüder Grimm > Politik

Wissenschaftliche Erkenntnis und gesellschaftliche Verantwortung

Das politische Wirken der Brüder Grimm


Jacob und Wilhelm Grimm haben ihre Sammel- und Forschungsarbeit nicht als Selbstzweck verstanden. Wissenschaftliche Erkenntnis und gesellschaftliche Verantwortung standen für sie vielmehr in wechselseitigem Zusammenhang, und in diesem Verständnis haben sie sich auch politisch engagiert.

Das geschah jedoch nicht ohne innere Widersprüche und Brüche. So wirkte z.B. Jacob Grimm einerseits als "Königlicher Bibliothecar" und "Staatsratsauditor" in der Verwaltung des von Napoleon eingerichteten sog. "Königreiches Westphalen"; andererseits suchten die Brüder Grimm gerade in dieser Zeit der französischen Fremdherrschaft in Kassel neue Zugänge zur kulturellen Identität der Deutschen, indem sie die "altdeutsche" Sprache und Literatur und die "Poesie des Volkes" wiederentdeckten.

"Das drückende jener Zeiten zu überwinden half denn auch der Eifer, womit die altdeutschen Studien getrieben wurde", – schrieb Wilhelm Grimm in seiner Selbstbiographie, und er fuhr fort: "Ohne Zweifel hatten die Weltereignisse und das Bedürfniß, sich in den Frieden der Wissenschaft zurückzuziehen, beigetragen, daß jene lange vergessene Literatur wieder erweckt wurde; allein man suchte nicht bloß in der Vergangenheit einen Trost, auch die Hoffnung war natürlich, daß diese Richtung zu der Rückkehr einer andern Zeit etwas beitragen könne …"

Das völkerübergreifende Prinzip von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" der französischen Revolution war den Brüdern Grimm eher fremd. Ihr politisches Denken basierte vielmehr auf dem romantischen Konzept des "Volks-" und "Sprachgeistes", d.h. auf der Einsicht in den Zusammenhang der kulturellen mit der politischen Einheit und die damit gegebene innere Substanz eines Volkes. Wenn dabei auch ihre hessische Heimat und ihr deutsches Vaterland im Mittelpunkt des Interesses standen, so dachten Jacob und Wilhelm Grimm dennoch nicht in nationalistischen Kategorien, sondern nahmen mit ihren wissenschaftlichen und politischen Äußerungen vielfach europäische Denkansätze vorweg.

Schon in der Diskussion um die Neuordnung der europäischen Staatenwelt während des Wiener Kongresses, an dem Jacob Grimm als kurhessischer Legationssekretär teilnahm, äußerten sich die Brüder Grimm in Briefen und anonymen Zeitungsartikeln zu Fragen der Verfassung und der Zukunft der deutschen Länder. Dabei verknüpften sie die Begriffe Volk und Nation mit Sprache und Kultur und begründeten von hier die Forderung nach neuen Grenzziehungen.

"Ich denke, es ist immer etwas wert, wenn eine lebendige Stimme da ist, (...) die für das Recht alter Sitte und Verfassung spricht …", schrieb Wilhelm 1814. Und Jacob formulierte im Hinblick auf eine neue Reichsverfassung, "1. daß jeder Deutsche frei [ist], 2. daß jeder Deutsche gebunden ist an sein Vaterland …".

So forderten die Brüder Grimm einerseits die
Wiedereingliederung von Elsaß und Lothringen in das Deutsche Reich, andererseits billigten sie aber auch den europäischen Nachbarvölkern das Recht einer eigenen staatlichen und kulturellen Identität zu, als sie sich beispielsweise für die Wiederherstellung des polnischen Staatswesens einsetzten.

Auch zur Politik ihres hessischen Heimatlandes nahmen sie eine kritische Haltung ein, indem sie im Kreis um die von ihrem Mann getrennt lebende Kurfürstin Auguste offen politische Fragen diskutierten und sich damit insbesondere zur Regierung des hessischen Kurfürsten Wilhelm II. in Opposition stellten.

Jacob und Wilhelm Grimm haben ihr Handeln stets aus historisch gewachsenem und begründbarem Recht und auf der Grundlage der Freiheit des Einzelnen nach bestem Wissen und Gewissen abzuleiten gesucht. Ihrer Auffassung nach sollte die Politik immer dem Recht und niemals umgekehrt das Recht der Politik angepaßt werden.



Diese Haltung war ihnen auch Richtschnur ihres Tuns, als sie sich 1837 ohne Rücksichtnahme auf die eigene Person und Familie dem Göttinger Professorenprotest (den sog. "Göttinger Sieben") anschlossen und sich mit Entschiedenheit gegen das verfassungsrechtlich bedenkliche Vorgehen des neuen Königs in Hannover wandten. Dieser hatte ohne Legitimation die Ständeversammlung für aufgelöst und die gerade erst eingeführte neue Landesvermessung für ungültig erklärt. Durch ihr mutiges Eintreten für Freiheit und Recht verloren Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur ihre Anstellung, sondern mußten auch das Königreich Hannover verlassen.

Jacob Grimms AntragIm politisch vielfach zerrissenen und überwiegend restaurativ regierten Deutschland der Zeit nach dem Wiener Kongreß war die Einstellung zur Verfassungsfrage und zur nationalen Einigung von entscheidender Bedeutung. Einheit, Recht und Freiheit schienen nur über das Bewußtsein einer gemeinsamen Sprache und Kultur erreichbar. Gerade dazu haben die Brüder Grimm mit ihren volkskundlichen Sammlungen und durch ihre Sprach- und Literaturforschungen beigetragen. Sie haben quasi alles sprachlich greifbare "Deutsche" durch ihr wissenschaftliches Schaffenswerk zusammengetragen und damit auch als Philologen entscheidenden Anteil an der deutschen Einigung genommen.

Daher ist es kein Zufall, wenn einer von beiden, nämlich Jacob Grimm, 1848 als Abgeordneter in die verfassunggebende Versammlung des ersten deutschen Nationalparlaments in der Frankfurter Paulskirche berufen wurde. Sein dort gestellter Antrag zum Artikel 1 der Grundrechte hat, obwohl er damals abgelehnt wurde, bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt: "Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei".