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Märchenbaum

Grimms Märchen und keine Ende
Europäische Kunstmärchen zwischen Phantasie und Wirklichkeit


Jahrausstelllung 2014 im Brüder Grimm-Museum Kassel
18. Mai bis 3. Oktober 2014


Geöffnet Di bis So 10 bis 17 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr
Führungen werden auf Anfrage angeboten

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Der heute in aller Welt verwendete Begriff des „Märchens“ geht wesentlich auf die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm und ihre 1812 und 1815 in zwei Bänden gedruckten „Kinder- und Hausmärchen“ zurück. Sie trugen darin in der Folge nicht nur 200 Texte zusammen, sondern definierten diese Erzählgattung auch erstmals wissenschaftlich präzise als eigenständige Form.


Vor den Brüdern Grimm lassen sich zwar zahlreiche ganz ähnliche Sammlungen aufzeigen, diese bestanden jedoch meist aus einer eher undeutlichen Mischung an Sagen-, Märchen-, Schwank- und Legenden-Elementen. Jacob Grimm schrieb im Vorwort zu den 1816 – 1818 erschienenen „Deutschen Sagen“:

 

Waldszene„Es wird dem Menschen von heimathswegen ein guter Engel beigegeben, der ihn, wann er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlands überschreitet, wo ihn jener verläßt. Die wohlthätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte, welche nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit als einen frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben. Jedes hat sein eigenen Kreis. Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes steht beinahe nur in sicher selber fest, in seiner angeborenen Blüte und Vollendung; die Sage, von einer geringern Mannichfaltigkeit der Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten Namen …“

 

Und Wilhelm Grimm schrieb später in seiner Abhandlung zur Geschichte der Märchen:

Podest 

„Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinauf reichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mythische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteines, die auf dem von Gras und Blumen überwachsenen Boden zerstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden Auge entdeckt werden."

 

Die Brüder Grimm haben in ihrer monumentalen Arbeit mit ihren „schärfer blickenden Auge(n)“ viele Stückchen dieser Edelsteine aus mündlichen wie schriftlichen Erzähltraditionen wieder aufgesammelt und in ihrer unverwechselhaften Art zu einem neuen Wortkunstwerk zusammengesetzt. Ihre „Kinder- und Hausmärchen“ gleichen einem Hohlspiegel, der eine durch mehrere Kulturen geprägte mündlich wie schriftlich weitergegebene Erzähltradition einfängt, in neuer Form zusammenfaßt, bündelt und, gebunden an das Werk, weltweite Wirkung entfaltet.

 

Dichterische Bearbeitungen und Gestaltungen märchenhafter Erzählstoffe lassen sich in vielfältiger Formgebung seit der Antike aufzeigen. Für die Herausbildung einer eigenständigen literarischen Gattung von großer Bedeutung waren neben vereinzelten altägyptischen und sumerischen sowie klassischen griechisch-lateinischen Überlieferungen vor allem die orientalischen Traditionen des altindischen „Pantscha-Tantra“ sowie der persisch-arabischen Erzählungen der „Tausend und eine Nacht“. Vor allem die letztgenannten Werke beeinflußten im 16. und 17. Jahrhundert die großen italienischen und französischen Märchensammlungen, die im 18. Jahrhundert in den sog. französischen „Feenmärchen“ eine große länderübergreifende Begeisterung für diese Erzählgattung auslösten.

 Märchenbaum 2

Vier Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution – im Jahr 1785 – wurde in Hanau Jacob Grimm geboren; im gleichen Jahr begann der bekannte französische Polygraph Charles-Joseph Mayer (1751 – 1825) mit der Edition seines berühmten „Cabinet des Fées“, das in der Folge in 41 umfangreichen Bänden die gesamte abend- wie morgenländische Märchentradition dokumentierte und eindrucksvoll zusammenfaßte. Der erste Band enthielt u.a. die berühmten „Märchen oder Geschichten aus vergangener Zeit“ des Baubeamten Charles Perrault (1628 – 1703) am Hofe Ludwigs XIV., die für die Herausbildung des romantischen Erzähltons der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ eine maßgebliche Rolle spielten.

Herzkammer 

Noch im 18. Jahrhundert wurden auch in Deutschland diese romanischen und orientalischen Märchensammlungen durch zahlreiche Übersetzungen, Nachdichtungen und Bearbeitungen aufgenommen, etwa durch Christoph Martin Wieland (1733 – 1813) und dessen Freund Johann Carl August Musäus (1735 – 1787). Auch Johann Wolfgang v. Goethe (1749 – 1832) versuchte sich trotz seiner durchaus kritischen Haltung zur Romantik mit seinem „Mährchen“ (1795) in dieser Gattung.

Herz 

Von großer Bedeutung für die begriffliche Definition märchenhafter Erzählungen war die von Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) vorgenommene Unterscheidung zwischen „Natur-“ und „Kunstpoesie“. Wahre Dichtung war für ihn „im Anfang ganz volksartig, d.i. einfach“, sie „lebte im Ohr des Volks, und auf den Lippen und der Harfe lebendiger Sänger. Sie sang Geschichte, Begebenheit, Geheimniß, Wunder und Zeichen. Sie war die Blume der Eigenheit eines Volks, seiner Sprache und seines Landes, seiner Geschäfte und Vorurtheile, seiner Leidenschaften und Anmaßungen, seiner Musik und Seele.“ Die Gegenüberstellung einer ursprünglichen „Natur-“ und „Volkspoesie“ und der nach dichterischen Regeln und Normen verfaßten „Kunstpoesie“ war von entscheidendem Einfluß auf die romantische Bewegung und auf das Konzept der Brüder Grimm.

 

Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte das „Märchen“ im romantischen Diskurs eine wichtige Rolle. Ludwig Tieck (1773 – 1853) bearbeitete französische Feenmärchen und gab diesen in seinem Disput mit dem Aufklärer Friedrich Nicolai (1733 – 1811) eine neue Richtung. 1797 verfaßte er die Märchennovelle „Der blonde Eckbert“, die am Anfang des romantischen Kunstmärchens steht. Darin verband er die Schilderung der alltäglichen Wirklichkeit mit der phantastischen Welt des Wunderbaren und Irrealen. Das „Märchen“ endet tragisch, denn seine Helden Eckbert und Bertha verfallen, von inneren Dämonen gequält, dem Wahnsinn und finden den Tod.
Für Novalis, d.i. Friedrich v. Hardenberg (1772 – 1801), den vielleicht wichtigsten Dichter der Romantik, sollte das Märchen „zugleich prophetische Darstellung“, der Märchendichter ein „Seher der Zukunft“ sein. Seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ entstammt das Symbol der „blauen Blume“, die für die gesamte Romantik zum Sinnbild wurde. Sein Fragment „Die Lehrlinge zu Sais“ (begonnen 1798) gab mit dem darin enthaltenen Märchen „Hyazinth und Rosenblüthe“ entscheidende Impulse für die naturphilosophische Diskussion der Romantik.

 

Märchenwald 3In der Folge nahmen zahlreiche weitere Dichter märchenhafte Elemente auf und gestalteten sie zu eindrucksvollen und ausdrucksstarken Schöpfungen. In seiner 1811 erschienenen Erzählung „Undine“ zeichnete Friedrich de la Motte Fouqué (1777 – 1843) das schicksalhafte Verhältnis zwischen Liebe und Natur.

 

Clemens Brentano (1778 – 1842), mit den Brüdern Grimm engstens verbunden, bearbeitete zwischen 1805 und 1811 die neapolitanischen Märchen von Giambattista Basile (1575 – 1632) und veröffentlichte am Ende seines Lebens daraus 1838 die Erzählung „Gockel, Hinkel und Gackeleia“, in der er die Handlung in das beschauliche Städtchen Gelnhausen verlegte.
In den Märchendichtungen des 19. Jahrhunderts durchdringen sich in der Folge Realität und Traumwelt häufig gegenseitig. Die ins Phantastische verkehrte und neu interpretierte Wirklichkeit bildet dabei häufig ein strukturelles Muster.

 

Adelbert v. Chamisso (1781 – 1838) schuf 1813 mit seiner „wundersame(n) Geschichte“ von „Peter Schlemihl“ den in ganz Europa wirkmächtigen Typus des Schauermärchens. Sein Held verkauft dem Teufel gegen ein nie versiegendes Geldsäckel seinen Schatten und damit sein Glück.

 

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1766 – 1822) entfaltete in seinen „Phantasiestücken“ eine spezielle Ambivalenz zwischen der vermeintlich „realen“ und der erdachten „wunderbaren“ Welt. Er leuchtete vor allem die „Nachtseiten“ der menschlichen Existenz in ihrer ganzen Radikalität aus, wobei ihm medizinische und psychiatrische Kenntnisse aus seiner Freundschaft mit Ärzten sowie aus der Lektüre einschlägiger Werke zugute kamen. Mit seiner Erzählung „Der goldne Topf“ (1814), die er ein „Märchen aus der neuen Zeit“ nannte, stellte er die ganze Spannung zwischen dem „Hier“ und dem „Dort“, dem „Guten“ und dem „Bösen“ dar. Mit seinen Werken wurde Hoffmann zur großen Leitfigur der weltweiten phantastischen Literatur bis in die Gegenwart.

 

Eduard Mörike (1804 – 1875) schuf mit seinem „Stuttgarter Hutzelmännlein“ (1853) eine kunstvoll in sich verschachtelte Märchendichtung. In diese Handlung eingebettet ist ein weiteres Märchen „Von der schönen Lau“. Es handelt von einer von ihrem Manne verbannten Wassernixe, die verzaubert im „Blautopf“, einem Zufluß der Donau bei Blaubeuren, lebt. Mörike unterlegt sein märchenhaftes Erzählgewebe gezielt mit realen geographischen und historischen Gegebenheiten und stellt so eine neue Verbindung zwischen „Realem“ und „Irrealem“ her.

 

Zahlreiche Verfasser von Kunstmärchen haben ihre Märchendichtungen in der Wirklichkeit angesiedelt, ihre Protagonisten leben in einer bürgerlichen Alltagswelt mit realen Sorgen und existentiellen Nöten.

 

Als wichtigster deutscher Kunstmärchendichter gilt Wilhelm Hauff (1802– 1827). Beeinflußt von den orientalischen Märchen der „Tausend und eine Nacht“, verfaßte er nach deren Vorbild 1826 und 1827 eigene Märchenerzählungen, die er in seinen drei „Mährchen-Almanach(en) für Söhne und Töchter gebildeter Stände“ veröffentlichte. Berühmt wurde daraus vor allem das Märchen „Das kalte Herz“, das im Schwarzwald spielt. Darin erzählt Hauff die Geschichte des Kohlenbrenners Peter Munk, der – gänzlich unromantisch – nach Reichtum und Ansehen strebt. Doch als seine Wünsche durch einen guten Geist, das „Glasmännlein“, erfüllt werden, erwachsen daraus bald Maßlosigkeit und letztendlich auch Herzlosigkeit. Aus wirtschaftlicher Not verkauft er dem bösen „Holländer-Michel“ sein Herz, in seiner Brust wird darauf alles zu Stein. Dennoch endet das Märchen gut und schließt mit der Einsicht Peters: „Es ist doch besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes Herz“.

 

Das Streben nach Geld ist auch das Thema der Erzählung „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller (1819–1890), die 1856 in der Novellensammlung „Die Leute von Seldwyla“ erschien. In diesem Märchen berichtet Keller von dem Kater Spiegel, dem es gelingt, sich durch Listigkeit aus den Fängen des Hexenmeisters Pineiß zu befreien.

 

Wie zuvor Wilhelm Hauff den Schwarzwald als Schauplatz für das „Kalte Herz“ nutzte, siedelt auch Theodor Storm (1817–1888) sein Märchen „Die Regentrude“ (1864) in einer realen deutschen Landschaft an. Die Schleswiger Marschlandschaft leidet unter einem Dürresommer, denn der koboldhafte Feuermann hat die Herrschaft über das Land übernommen. Sein regenspendender Gegenpart, die Regentrude, ist eingeschlafen. Maren und Andrees steigen durch eine hohle Weide hinab in ihr unterirdisches Reich. Maren gelingt es, die Herrin des Regens zu erwecken, wodurch die Wasserarmut ein Ende findet. Mit diesem Märchen schuf Storm ein Glanzstück deutscher Kunstmärchendichtung. Das „Wunderbare“ wird hier selbst als Teil der Wirklichkeit erlebt, verschwindet aber wieder, sobald der Märchenheld sein Glück gefunden hat.

 

Die Märchen der Brüder Grimm (zuerst: Berlin 1812–15) wurden 1816 ins Dänische und 1824 ins Schwedische übersetzt. Sie fanden rasch in ganz Skandinavien Verbreitung, aber auch viele Nachfolger. Die hier bald entstehenden Kunstmärchen sind ihnen vielfach verpflichtet.
In Dänemark traten zunächst Dichter wie Adam Oehlenschlaeger (1779 – 1850) mit Bearbeitungen orientalischer wie europäischer Buchmärchen auf. Dabei spielte die altnordische „Edda“, die von Gelehrten wie Rasmus Nyerup (1759–1829) oder Rasmus Christian Rask (1787–1832) im Diskurs mit den Brüdern Grimm wiederentdeckt wurde, eine wichtige Rolle. Für die Geschichte der dänischen Märchentradition und das moderne Kunstmärchen schlechthin aber war das Wirken von Hans Christian Andersen (1805 – 1875) von überragender Bedeutung. Mit seinen seit 1835 erschienenen – im eigenen Land zunächst verkannten – „Eventyr fortalte for børn“ (Kindermärchen) erlangte er – vor allem über Deutschland – weltliterarische Bedeutung. Mit seinen Geschichten von der „Kleinen Meerfrau“, vom „Schweinehirten“ oder von der „Schneekönigin“ wurde er fast so berühmt wie die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Während dänische Sammler wie Christian Molbech (1783–1857), Just Mathias Thiele (1795–1874) oder Svend Grundtvig (1824–1883) volkstümliche Überlieferungen zusammentrugen, setzten Schriftsteller bis in die Gegenwart Andersens Werk fort.

 

In Norwegen, 1397 bis 1814 mit Dänemark und 1814 bis 1905 in Personalunion mit Schweden verbunden, begründeten Peter Christen Asbjörnsen (1812–1885) und Jørgen Moe (1813–1882) mit ihren seit 1841 erschienenen „Norske Folke-Eventyr“ (Norwegische Volksmärchen) die dortige literarische Volkskunde. Sie stärkten zugleich die norwegische Sprache und förderten das Nationalbewußtsein. Aus ihrer Sammlung schöpften in der Folge zahlreiche Autoren, darunter Henryk Ibsen (1828–1906), der in seinem berühmten Drama „Peer Gynt“ auch die Welt nordischer Trolle und Dämonen gestaltete.

 

In Schweden trugen nach dem Vorbild der Brüder Grimm Arvid Afzelius (1785–1871), Gunnar Olof Hyltén-Cavallius (1818 – 1889) und andere Forscher umfangreiche Sammlungen volkstümlichen Erzählguts zusammen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte dann Selma Lagerlöf (1858–1940) mit ihrer 1906 entstandenen Märchendichtung „Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige“ (Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden) Weltruhm. Mit dieser phantastischen Geschichte eines zunächst faulen und bösartigen Jungen, der zur Strafe für seine Streiche in ein Wichtelmännchen verwandelt wird und mit Wildgänsen durch Schweden reisen muß, leistete sie einen bedeutenden Beitrag zum europäischen Kunstmärchen. Ihr folgte später Astrid Lindgren (1907 – 2002), die in ihre Kinderbücher ebenfalls Märchen- und Sagenelemente aufnahm.

 

In der Nachfolge der Brüder Grimm und nach dem Vorbild romantischer Märchendichtungen entstanden in zahlreichen weiteren Ländern in kunstvoller Verknüpfung volkstümlicher Erzählungen mit erdichteten Elementen des Wunderbaren neue Kunstmärchen.

 

In Rußland erschloß der Dichter und Zarenerzieher Vasilij Žukovskij (1783 – 1852) schon früh die romantische Dichtung Deutschlands und beschäftigte sich auch mit Grimmschen Märchen. Im Wettbewerb mit seinem Schüler Aleksandr Puškin (1799–1837) entstanden in der Folge herausragende Märchendichtungen in Versform, die teils Stoffe aus den Sammlungen von Perrault und Grimm, teils aus russischer Tradition schöpften. Žukovskij bearbeitete z.B. „Dornröschen“ („Spjaščaja carevna“), während Puškin das Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ („O rybake i o rybke“) gestaltete. In aller Welt bekannt wurden Puškins Märchen „Vom Zaren Saltan“ („O care Saltane“) und „Vom goldenen Hahn“ („O zolotom petuške“), ebenso die phantastische Geschichte vom „Wunderpferdchen Höckerlein“ („Konek-Gorbunok“) von Petr Eršov (1815 – 1869). Bis heute entstanden unzählige weitere russische Kunstmärchen, an denen sich viele bekannte Dichter beteiligten. Auch in anderen slawischen Ländern entstanden kunstvolle Märchendichtungen. Berühmt wurde die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová (1820–1862) mit ihrer Bearbeitung von „Aschenputtel“ („Tři oříšky pro Popelku“ – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel).

 

In England und Irland bewirkten die früh einsetzenden Übersetzungen Grimmscher Märchen ein erhöhtes Interesse für die volkstümliche Erzähltradition. Thomas Crofton Croker (1798–1854) gab seit 1825 irische Märchen heraus, die als „Elfenmärchen“ von den Brüdern Grimm gleich verdeutscht wurden. Auch Charles Dickens (1812 – 1870) bearbeitete einige Märchenstoffe. Von überragender Bedeutung waren jedoch die „Abenteuer von Alice im Wunderland“ („Alice’s Adventures in Wonderland“), die der Mathematiker und Lehrer Charles L. Dodgson (1832–1898) unter dem Pseudonym „Lewis Carroll“ seit 1863 herausgab. Sie wurden zu einem der weltweit erfolgreichsten Kinderbücher. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen unter dem Titel „Der glückliche Prinz und andere Märchen“ die neuromantischen Dichtungen des Iren Oscar Wilde (1856–1900).

 

Auch in vielen anderen Ländern entstanden kunstvolle Märchendichtungen, die rasch zu einem festen Bestandteil der Weltliteratur wurden. In Amerika wurden Edgar Allan Poe (1809–1849) mit seinen Grotesken („Tales of the Grotesque“; seit 1840) und L. Frank Baum (1856–1919) mit seinem „Zauberer von Oz“ („The Wonderful Wizard of Oz“; 1900) bekannt. In Italien schuf Carlo Collodi (1826 – 1890) – nicht ohne Parallelen zum Grimmschen Märchen vom „Krautesel“ – seinen „Pinocchio“ (1880), in Frankreich Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) den „Kleinen Prinzen“ („Le Petit Prince“; 1943). Im fernen Asien gestalteten u.a. Lu Hsün (1881–1936) in China und Kenji Miyazawa (1896–1933) in Japan märchenhafte und phantastische Stoffe.

 

Die von Andrea Mayer und Niklas Rahmlow entwickelte Ausstellung präsentiert in fünf Räumen exemplarisch die wichtigsten Werke der genannten Autoren und gestaltet diese in einer aufwendigen dreidimensionalen erlebnisorientierten Gestaltung in Text, Bild und Klang.